Information als Kunst
Autorin: Nanett Dietz
Im New Museum in New York City wird derzeit die Ausstellung „The Last Newspaper“ gezeigt. Zeitungen und Berichterstattung sind der Stoff, aus dem die Kunstwerke gefertigt sind. Klar, dass sich eine PR-Lady das ansehen musste!
Anders als einst bei den Kubisten oder Surrealisten wird Zeitung nicht gestalterisch in Stillleben eingebunden. Vielmehr treiben mediale Inhalte und Mechanismen die Künstler voran.
So erwarten den Besucher im 5. Stock bodenlange Abendkleider, die mit (Foto-) Reportagen und Nachrichten aus Krisengebieten wie Irak und Afghanistan bedruckt sind. Das ist nichts für zarte Gemüter. Beispiel: Ein Kleid ist statt mit einem hübschen Blumenmuster mit den Headlines und Bildern des Folterdramas aus dem Irak bedruckt. Auf dem zarten Stoff einer anderen Robe sieht man die blutige Brutalität des Afghanistan-Krieges komprimiert – eine realistische Horrorshow. Im 4. Stock wird es dann betulicher: Ein Nachrichtenticker ist in Betrieb und spukt am laufenden Band Neuigkeiten aus. Dieses Exponat vergrößert sich mit jedem Ausstellungstag und ist so eine Metapher für die unablässige Informationsflut dieser Zeit. Angesichts dessen wird klar, dass niemand (außer dem Gerät) diese Informationen auch nur annähernd aufnehmen kann. Auf Menge setzt auch ein Künstler, der die massenhafte Berichterstattung über die Festnahme von Saddam Hussein thematisiert. Viele Meter schreitet man ab entlang der immer gleichen Geschichte mit immer ähnlichen Illustrationen. Lohnte der tonnenweise Einsatz der wertvollen Ressource Papier für diesen Diktator, steht als unausgesprochene Frage im Raum. Zum Kunstwerk wird schließlich der Journalist selbst: Denn hier sitzen vor den Augen der Besucher tatsächlich Redakteure und erstellen in jeder Ausstellungswoche eine Zeitung. Journalisten als Exponate? Angesichts des zunehmenden Bürgerjournalismus enthält diese Perspektive ein trauriges Fünkchen Wahrheit!
Die Kunstwerke präsentieren jede Menge schwer verdauliche Kost und kritisieren die Nachrichtenindustrie so sehr wie sie allgemein gesellschaftspolitisch Anklage gegen den Zustand der Welt erheben. Eine wichtige Ausstellung. Allerdings wäre als Finale die Umkehr von Information als Kunst wünschenswert – nämlich die Kunst der Information. Hier hätten echte Journalisten mit Sicherheit nicht nur das Angebot gemacht, Förderer des New Museums zu werden, sondern Hinweise auf Spendenkonten und Unterschriftenlisten von humanitären Organisationen gegeben. Denn nur von Kritik allein wird die Welt schließlich auch nicht besser.
Wo & Wann: New Museum, 235 Bowery, New York NY 1002. Die Ausstellung endet am 09.01.2011.



