Kickern in der Mittagspause
Autor: Andreas Tenhafen
Klack, klack, klack, dann ein Knall, ein kurzer Jubelschrei, die Becker-Faust. In der Mitte des Raumes steht ein Tischfußballtisch, auf jeder Seite zwei Spieler, drum herum sechs Zuschauer. Der Ball ist wieder im Spiel, wandert zwischen den Figuren der blauen Mittelreihe hin und her. Dann ist die Lücke da. Ein Zuckerpass zum blauen Mittelstürmer, der Ball klebt an der Plastikfigur wie am Fuß von Ronaldinho. Plötzlich ein blitzschnelles Täuschungsmanöver und wumm, drin. „Yeees“, ruft der Torschütze der Blauen, klatscht seinen Mitspieler kurz ab und schiebt den Spielstandzähler auf fünf, die Roten haben drei. Ein Tor noch und das Spiel ist gewonnen, denn es werden nur elf Bälle gespielt.
Gekickert – wie man im Volksmund sagt – wird längst nicht mehr nur in der Kneipe oder im Jugendclub. In immer mehr Agenturen, Kantinen und Garagen stehen die nicht mal einen Quadratmeter großen Tische, auf denen 22 Figuren, aufgehängt an acht verchromten Stahlstangen, im 1-2-5-3-System auf Torejagd gehen. Auch Pronomen hat einen Kickertisch. Die anfangs beschriebene Spielszene ist dort allerdings nicht passiert, dafür reicht unser Können (noch) nicht.
Schaut man geübten Spielern zu, wird schnell deutlich: Tischfußball ist nicht nur ein Spiel, sondern ein richtiger Sport. Es stellt hohe Anforderungen an Physis und Psyche, ist eine Mischung aus Schnelligkeit, Konzentration und natürlich Technik. Wettkampfspieler trainieren mehrere Stunden täglich – Passspiel, Ballannahme, Schusstechnik, Tricks, Kondition –, und zwar mit rutschfesten Handschuhen, schließlich soll nichts dem Zufall überlassen werden.
Ganz so ambitioniert sind Hobbyspieler natürlich nicht, der Spaß steht im Vordergrund. Aber gewinnen will trotzdem jeder – das ist bei unserem Mittagspausenkick nicht anders. Denn Kickern weckt Emotionen, ist authentisch. Die Regeln sind einfach. Der Balleinwurf erfolgt meist über ein Loch an der Mittellinie; wer zuerst mehr als die Hälfte der zur Verfügung stehenden Bälle – bei den meisten Tischen sind es elf, manchmal neun – in Tore verwandelt, hat gewonnen. Mancherorts gibt es Sonderregeln, etwa, dass mit der Mittelreihe kein Tor erzielt werden darf, oder die vor allem in Kneipen verbreitete Forderregel: Wer spielen will, muss den Sieger des letzten Spiels fordern und dazu eine 50-Cent-Münze an den Rand des Spieltisches legen.
Sollte der Gegner dann Dieter Thiele heißen, ist ziemlich sicher, dass man als Verlierer vom Tisch geht. Denn Thiele ist der beste deutsche Spieler aller Zeiten und einer der besten der Welt. Gegen seine Titelsammlung verblassen selbst die von Real Madrid und Juventus Turin: siebenmal Weltmeister, 28-mal Europameister, 45-mal Deutscher Meister. Rund 1.200 Pokale, Medaillen, Urkunden und andere Trophäen musste Dieter Thiele zu Hause unterbringen. Verdammt gut ist er immer noch, aber Turniere spielt er nur noch selten. Stattdessen beeindruckt er die Zuschauer bei Showpartien mit Prominenten wie Uli Hoeness.
Für Showeinlagen ist beim Stand von fünf zu drei nicht der richtige Moment. Konzentration bitte. Der blaue Rechtsverteidiger hat den Ball mit dem Fuß eingeklemmt und wackelt ein paar Mal hin und her. Hektisch versuchen die Roten ihre Abwehr dichtzumachen. Sinnlos. Ein gezielter Bandenschuss und die Kugel schlägt bei den Roten ein, sechs zu drei. Abpfiff, das Spiel ist vorbei!





